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Ein Leben in den Sand geschrieben

„Sei mutig und stark! Fürchte dich also nicht, und hab keine Angst; denn der allmächtige Gott begleitet dich, wohin dein Weg auch führt.“

Das war so ein Spruch meiner Mutter, den sie mir bei jeder guten und schlechten Gelegenheit offerierte und in mein Hirn eingrub.

Von wegen mutig und stark! In die Hose geschissen habe ich, als mir erstmals eine Ahnung davon kam, dass ich wohl Zeit meines Lebens zu den Schwachen und Verlorenen gehören würde.
Wie alt ich damals war, kann ich nur abschätzen; denn wann, wo und wie sie zu mir gekommen ist und unter welchen Umständen sie mich notgedrungen dem Leben übergeben hat, wollte mir meine Mutter nie erzählen. Von einer polnisch verursachten Niederlage oder Ähnlichem hat sie mal in einer weinerlichen Stunde gefaselt, was aber wirklich dahintersteckte, konnte ich nie erfahren, bestenfalls erahnen und mir aus sonstigen Andeutungen und eigenen Erlebnissen zusammenreimen.
Bei diesem Malheur, das meine damals einzige Hose ruinierte, werde ich wohl sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Als ich mich beim Kartoffelklauben zum tausendsten Mal bückte und mir schwante, dass ich kleiner Wicht ewig auf der Seite derer stehen würde, die den Hintern höher tragen als den Kopf, rumste es, und die Hose war voll. Mit Kartoffelkraut und Gras vom Ackerrain wischte ich die Buxe notdürftig aus, rannte, als der Aufseher des Kammergutes ein Nickerchen machte, zum nahen Fluss und schwenkte sie in dem nach Rinderpisse riechenden Wasser. Bis zum Abend war sie zwar an meinem Körper abgetrocknet, aber keineswegs sauber. Und so musste ich lange mit diesem stinkenden Lederlappen herumlaufen, bis mir ein Engel eine neue Hose verschaffte.

Während ich diesem Kinderkram nachsinne, kaue ich auf einem Stück getrocknetem Zuckerrohr, das mir ein Blechschlägergeselle einst zugesteckt hat und das ich ein Leben lang mit mir herumgetragen habe.

Dieser Geselle, der mit mir die Kammer geteilt hat, hat es aus Brasilien von einer Plantage nahe der Amazonasmündung mitgebracht, als er von dort wieder zurück nach Deutschland gekommen ist. Er hatte ein loses Mundwerk und erzählte mir nächtelang, warum er am Ende seiner Walz nicht in seine Heimatstadt zurückgekehrt, sondern von einem Unterstaats-Prokurator höchst persönlich nach Südamerika abgeschoben worden war. Wie gesagt, nächtelang hat er erzählt, aber gar nicht bemerkt, dass ich schnellstens eingeschlafen bin, wenn er jeden Abend bei Adam und Eva angefangen hat und über Pontius Pilatus zu seiner Verurteilung gekommen ist, die ihn in meine Kammer im Landarbeitshaus zu Güstrow gebracht hat. Manchmal habe im Gegenzug i c h ein wenig schwadroniert und ihm beispielsweise erzählt, wie man mich in Schwerin aufgegriffen und mir partout nicht geglaubt hat, ich sei ein Bauer aus dem Ratzeburgischen, und wie man nicht darauf verzichtet hat, mich wegen Vagabondage und Bettelei im hiesigen Schloss unterzubringen. Und dann hat e r sich auf die Seite gelegt und Baumstämme gesägt. Eigentlich war er nur hellwach, wenn ich in meiner Sammlung von gefälschten Papieren kramte, und ich habe mich breitschlagen lassen, meine damaligen Papiere auf den Namen Carl Hartmann aus Unteralba gegen seine auf den Namen Julius Gooßmann aus Kassel zu tauschen.
Als ich bei der nächsten Vernehmung diese Unterlagen dem Oberinspektor von Sprewitz vorlegte, lachte der grimmig und sagte mir auf den Kopf zu, ich sei keineswegs Julius Gooßmann, wie er wisse, sondern in Wirklichkeit der Striegelmachergeselle Nicolaus Friedrich Erbe aus Schmalkalden. Ich katzbuckelte ein wenig, gab alles zu, wie er es wollte, und verschwieg wohlweislich meinen tatsächlichen Namen. Wohlweislich, weil ich Angst hatte, ein so häufiger Name wie Adam Reichard gäbe Anlass, mich mit den Übel- und Gräueltaten irgendwelcher steckbrieflich gesuchten Vagabunden dieses Namens zu belasten. Ich gab also alles zu, was der Oberinspektor süffisant aus den Akten vorlas oder was ihm vielleicht einfach nur so einfiel, und wurde dadurch schnellstens mit dem Lebenslauf des Nicolaus Friedrich Erbe bekannt.
Ganz beschissen wurde mir zumute, als es um die Geburt meines neuen Namensgebers ging. Dieser sei 1823 als unehelicher Balg von der Marie Auguste Wilhelmine Erbe in Schmalkalden im Verborgenen, das heißt in Walfischs Gartenhaus, geboren worden. Immerhin sei die ledige Mutter ein Mitglied der geachteten Striegelmachersippe Erbe gewesen und der Striegelmachermeister Joseph Erbe habe dem Unehelichen, mitleidig wie er war, das Handwerk des Striegelmachers beigebracht. Doch nachdem dem jungen Nicolaus Friedrich fünfzehn Jahre lang die Hochzeit mit des Meisters etwas überfälliger Tochter Elise Wilhelmine Josephine verwehrt worden sei, sei er mit des Meisters Cassa abgehauen und habe sich zuerst nach Hamburg und dann nach Mecklenburg abgesetzt und da sitze er nun vor dem Oberinspektor und das sei ich. Ich müsse am morgigen Tag das Landarbeitshaus und überhaupt das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin für immer verlassen und dürfe es bei schärfster Strafe nicht mehr betreten.
Ich nickte geflissentlich mehrmals stumm, aber heftig, bis es mein gesetzliches Gegenüber bemerkte und mir die Papiere des Nicolaus Friedrich Erbe aushändigte.

In meiner letzten Nacht in meiner Kammer studierte ich die Dokumente bei Kerzenlicht durch, nachdem ich meinen Mitbewohner in den Schlaf geredet hatte.

Nun wusste ich, dass ich damals vierzig Jahre alt war, eine Statur von 5 rheinischen Fuß und 5 ½ Zoll, braune Haare und Augen hatte sowie etliche Narben an Kopf und Körper trug, was bei mir selbst tatsächlich der Fall ist.

Ohne zu fackeln verließ ich Mecklenburg und schlug mich langsam aber sicher nach dem Süden durch.

Nicht auf alle meine Narben kann ich stolz sein.

Die Brandnarbe auf dem rechten Oberarm wurde mir als kleinem Kerlchen beim Bleigießen zugefügt, die gezackte Narbe auf der Innenseite des rechten Unterschenkels brachte mir ein Wachhund bei, der mich beim Übersteigen eines Zauns im badischen Oberrotweil erwischte, als ich auf der Suche nach einem für die Nachtruhe geeigneten Gartenhäuschen war, und die flache Narbe auf der linken Hüfte entstand, als es mich von einer geklauten Draisine schmiss, die auf der Fahrt die Geislinger Steige hinab mit mir huppdich wuppdich aus einer Kurve flog. Hätte man mich wie erhofft als Gleisarbeiter angenommen und nicht als Landstreicher und fadenscheiniges Subjekt bezeichnet, wäre das sicher nicht passiert.

Nur die lange, frische, querliegende Narbe rechts an der Stirn, fast schon an der Schläfe, die mit einer älteren, von oben nach unten führenden Narbe ein zugegeben etwas schiefes Kreuz bildet, betrachte ich jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit habe, in einen Spiegel zu blicken, mit nahezu vaterländischem Stolz. Und wenn ich mehrere Tage ohne Spiegel auskommen muss, tun es auch Fensterscheiben und Wasserpfützen.
Diese Narbe hat mir ein preußischer Linkshänder eingraviert, dem ich anschließend mein Bajonett tief in den Leib gerammt habe, wodurch er prompt sein Leben aushauchte. Mit Juchhe stürmte ich weiter und konnte durch rechtzeitiges Desertieren mein Teil dazu beitragen, dass die Preußen gewannen. Das muss 1866 gewesen sein, wenige Jahre, nachdem ich Mecklenburg verlassen durfte und in Württemberg, wo man mich wie gesagt beim Eisenbahnbau nicht haben wollte, zum Militär gepresst hatte. Nur zu dumm und durchaus kein Wunder, dass ich eine Zeit lang auf dem Hohenasperg eingebuchtet wurde, nachdem mich die Feldjäger bei meiner leichtsinnigen Rückkunft in diesen Willkürstaat in der Nähe von Cleversulzbach aufgegriffen hatten, zumal ich mir in einem Anfall von Übermut die Ehrenzeichen gefallener Kameraden an meine inzwischen erbettelte Zivilkleidung geheftet hatte.

Schwamm drüber! Auch das war auszuhalten gewesen.

Das ist nun alles schon lange her, aber nicht so lang wie der Streit mit meinem Milchbruder, der mir mit einem Okuliermesser die alte, fast senkrecht verlaufende Stirnwunde eingeritzt hat, weil er eine unter meiner Haut vermutete Knospe eines Teufelshörnchens freilegen wollte.

Das so an der Stirn entstandene Kreuz spielte immer wieder eine gewisse Rolle, so beispielsweise auch, als ich, inzwischen ein zwar älterer, verlotterter, aber durchaus lebensfroher Mann, eine geraume Weile meine Füße unter dem Küchentisch einer gut situierten Witwe ausstrecken konnte, die mich bestens versorgte. Wenn ich sie am rechten Hinterbacken packte, sie umwendete und an mich heranzog, zeichnete sie mit dem Zeigefinger der linken Hand mein Narbenkreuz nach, stupste mich mit dem rechten Knie an meiner linken Hüftnarbe und sagte, ich solle bis zum Abend warten. Das leuchtete mir ein, wo ich doch sowieso nur noch am Warten war. Früher hätte ich die Energie gehabt, ihr gleich zu zeigen, wo ich mir keinerlei Narben zugezogen habe.

Dass ich das Warten bei ihr vervollkommnen konnte, kommt mir nun am träge dahinfließenden Riesenstrom zugute; denn geduldig warte ich an seinem Ufer auf den Tod oder besser gesagt auf das endgültig bessere Leben im Jenseits, einem Spruch meiner Mutter gemäß, der da lautet:

„Ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben.“

Ich taste mein ehrenvolles und unvergängliches Stirnzeichen ab und erinnere mich daran, wie ich einst an einem armen Schlucker ein gutes Werk getan habe, was mich damals selbst überrascht hat.

Wir lagen beide im Siebzigerkrieg in Lothringen in einem Schützengraben und hörten, wie die Kugeln über uns hinwegpfiffen. Wir hatten ganz schön Muffensausen. Zur Ablenkung erzählten wir uns alte Geschichten, und der Kamerad fing an, von seinem Eheweib zu schwärmen und er zog einen sorgsam in einem blassblauen Kuvert verwahrten Brief aus seinem Tornister, den ihm seine Liebste einst geschrieben hatte, als sie beide noch jung und unverheiratet waren. Er fing an zu heulen, und ich heulte mit; denn auch ich war mal jung und verliebt. Er bäumte sich vor innerem Schmerz kerzengerade auf und wurde prompt von einem Bombensplitter erwischt. Ein Auge hing ihm heraus, mit dem anderen stierte er mich an, konnte gerade noch sagen, ich solle seiner Frau den Brief bringen, falls er abkratze, und schon fiel er zur Seite und war tot. Ich steckte ihm das heraushängende Auge wieder hinein und schloss ihm beide Augen, so wie es sich gehört.
In der Nacht buddelte ich ihn ein, verließ den Schützengraben auf immer, fand einen toten Bauern, mit dem ich meine Kleider wechselte und schlug mich innerhalb von drei Wochen bis zu des Kameraden Witwe durch, deren Adresse auf dem Kuvert stand, gab der Überraschten den Brief und blieb. Schließlich war ich ja schon knapp fünfzig Jahre alt und hatte Ruhe dringend nötig.

Jetzt erfuhr ich, dass mein Kamerad ein reicher Eisenwarenhändler und Sohn eines lutherischen Pfarrers gewesen war, und lernte recht schnell den hessischen Dialekt der einsamen Witwe. Zielgerichtet machte sie aus mir, dem liebevoll Babbsack Genannten, einen feinen Zimmerherrn, der ihr nichts schuldig blieb und
wie schon erwähnt  seine Füße unter ihrem Küchentisch ausstrecken durfte.
Mein alter schwarzer Rock, meine blaue Tuchhose, meine dunkle Weste und mein hellgeblümtes Halstuch fand sie abscheulich und stattete mich stattdessen fast täglich wechselnd mit standesgemäßer Kleidung ihres Ehemaligen aus. 
Obwohl sie als brave Schwiegertochter eines lutherischen Pfarrers christkatholische Gebräuche eigentlich ablehnte, nahm sie mir immer wieder die Beichte ab. Und da stand ja viel an, vor allem aus alten Zeiten! Ehrlich gesagt, erfand ich meistens etwas dazu; denn nur wenn meine Untaten spektakulär genug waren, zog sie mich an ihren prachtvollen, wonnespendenden Busen und gab mir die Absolution.

Auch meine Mutter hatte einen beachtlichen Busen. Gleichzeitig zwei Buben versorgte sie mit ihrer reichlich sprudelnden Muttermilch, einmal mich und gegen Kost und Logis den Sohn eines Herzoglich Ratibor'schen Forstinspektors im schlesischen Rauden. In dessen schlossartigem Amts- und Wohnsitz wurde meine Mutter von einem polnischen Hauptmann gegen eine sicherlich erkleckliche Ablösesumme zurückgelassen. Dieser selbstverständlich adelige Gauner wollte eigentlich mit meiner Mutter von Stuttgart kommend nach Warschau weiterreisen, hatte aber – so vermute ich heute zumindest – bemerkt, dass meine Mutter unterwegs gleich zu Anfang der einige Wochen dauernden gemeinsamen Reise schwanger geworden war.
Dem Forstinspektor kam das gut zupass, da sein aus einer adeligen Familie stammendes Eheweib auch schwanger war und ihm schon dauernd vorgejammert hatte, durch ihn zu einer Milchkuh degradiert zu werden, wenn er sich nicht darum kümmere, eine leistungsfähige Amme aufzutreiben.

So war allen gedient: der polnische Hauptmann war alle Verpflichtungen los, die adelige Dame hatte gute Aussichten, ihre standesgemäß spitzen Brüstchen so zu behalten, wie sie waren, und der Forstinspektor fand Ablenkung in meiner Mutter Dachverschlag.

Das änderte sich mit der fast gleichzeitigen Geburt und Taufe von mir und dem hochgeborenen Knaben namens August Sigismund Friedrich, den seine Mutter stets mit allen drei Namen ansprach, der aber von seinem Vater, wenn die Mutter fern war, Sigi gerufen wurde. So nannte auch ich ihn, sobald ich sprechen konnte.

Seine Mutter und folglich auch der spät zu Worten gekommene Sigi benamten mich abschätzig mit Bedam, weil die hohe Dame es nicht leiden konnte, dass ich als Adam im Alphabet vor August Sigismund Friedrich anzusiedeln war.

Sigis Vater war ein Mann der Tat. Versteht sich, dass er seine Amtspflichten gewissenhaft ausübte. Darüber hinaus hatte er sich der Obstbaumzucht verschrieben und verbrachte fast seine gesamte Freizeit in seiner Baumschule. Wenn mich nicht alles täuscht, wurde gegen Ende seines Lebens sogar eine Apfelsorte nach ihm benannt. Sigi, der stets bemüht war, seinem Vater alles nachzumachen, zwickte in Verkennung fachgerechten Obstbaumschnittes eines Tages allen möglichen Jungpflanzen die Triebspitzen ab, schnappte sich, als ich dagegen protestierte – ich glaube wir waren etwa fünf Jahre alt und oft genug zerstritten – des Vaters Okuliermesser, packte mich an den Haaren und versuchte mir, wie er mir ankündigte, irgendwelche Knospen aus der Stirne zu operieren. Gottseidank brachte er mir nur einen einzigen, allerdings tiefen, nahezu senkrechten Schnitt an der Stirne bei. Daran hatte sein Vater, aus welchem Grund auch immer, keine Freude und schalt mich einen polnischen Bankert. Das nahm ich dem Forstinspektor ernsthaft krumm und ließ mich selbst durch einen von meiner Mutter passend oder unpassend zitierten Bibelspruch nicht besänftigen, der da lautet:

„Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist.“

Nur weil Jesus ein Bankert war, wollte ich nicht auch als ein solcher bezeichnet werden!

Glücklicherweise kam gerade der polnische Hauptmann, ein offensichtlich ruheloser Mensch, auf einer erneuten Reise nach Deutschland wieder vorbei und ließ sich breitschlagen, meine Mutter, die dem Forstinspektor inzwischen auf die Nerven ging, und mich gegen ein ziemlich hohes Honorar in seiner Reisekutsche mit nach Westen zu nehmen. Sobald wir in einem Ort waren, den er nicht mehr für östlich oder mittendrin, sondern guten Gewissens für westlich und abgelegen genug hielt, ließ er uns aussteigen und preschte davon.

Meine Mutter in ihrer gelassenen Art atmete auf, froh die beiden Lustmolche los zu sein, und begab sich mit mir zum Pfarrhaus des kleinen Ortes, der wie ein vorbeikommender Domänenknecht versicherte, Fumich heiße, wohingegen der Pfarrer, der sich freute, etwas Gutes tun zu können und unverhofft Besuch zu bekommen, in seinem bemühten Hochdeutsch immer von Fambach sprach. Im Pfarrhaus empfingen uns außer der Pfarrfrau mindestens acht Kinder. Wie viele es wirklich waren, habe ich nie herausbekommen, es war mir ganz einfach egal. Zwar spielte ich mit allen, aber freilich nicht mit allen gleichzeitig, und nur der Name des gleichaltrigen Friedrich Fürchtegott, den alle Fritz nannten und der mir in der Silvesternacht beim Bleigießen das heiße Blei über den Oberarm goss, blieb mir in Erinnerung. Mit ihm durfte ich in die Dorfschule gehen und lernte dort in kurzer Zeit das Lesen und Schreiben sowie wesentliche Grundlagen des Rechnens. Dieser Zustand dauerte bestenfalls ein Jahr, und meine Mutter verließ mit mir Fambach wieder auf der Suche nach einer besseren Bleibe und einem dauerhaften Ehehafen. Ich war nicht begeistert davon. Doch meine Mutter sagte:

„Mit Gottvertrauen fanden selbst die Israeliten eine Heimstadt.“

Wie lange der Zug der Israeliten dauerte, verschwieg sie mir.
Gerademal bis Oberweimar kamen wir, wo meine Mutter beim Leibjäger des Weimarer Herzogs trotz ihres minderjährigen Anhangs – wie man mich nannte – eine Anstellung als Küchenhilfe bekam. Um mich kümmerte sich niemand so recht. Ab und zu musste ich Briefe nach Weimar bringen oder Pakete von dort mit der Schubkarre holen. Und an ein paar, eigentlich zu vielen aufeinanderfolgenden Tagen wurde ich zum Kartoffelklauben auf die Felder des Kammerguts geschickt und dort furchtbar herumkommandiert.
Doch die meiste Zeit lebte ich in den Tag hinein oder verbrachte sie beim Schullehrer, der ein begeisterter Imker war und mir alle nötigen Handgriffe für eine fachgerechte Honigernte beibrachte. Wenn ich mich an einem Tag besonders geschickt angestellt hatte, durfte ich zur Belohnung bei ihm zuhause in einem uralten Buch über die Wartung der Bienen das Lesen üben, musste ihm dabei laut vorlesen und sollte möglichst nicht ins Stocken geraten, was mir mit der Zeit immer besser gelang. Nebenbei trainierte mich der Gute auch im Kopfrechnen und diktierte mir Zahlen, die ich in seine Ertragslisten einzutragen hatte. Leider überließ er mir weder Papier noch Bleistift. Meine nachfolgenden, im Geheimen vollzogenen Schreib- und Rechenübungen absolvierte ich, indem ich sie mit einem Steckelchen an der vorbeifließenden Ilm in eine Sandbank ritzte.

Des Leibjägers Tochter, die nur wenig jünger war als ich, war es, die mich aus meiner zeitweiligen Gemütlichkeit und gleichzeitigen, angenehm emsigen Geschäftigkeit riss und die meine erste, freilich letztlich unerhörte Liebe war. Ganz zu Recht, wie ich meinte, hieß sie Adelheid, konnte sie doch recht adelig dreingucken – nein, nicht hochmütig, sondern vornehm, rein und voller Anmut. Ihre aufkeimende Zuneigung zu mir ging schnell zu Ende, als sie anlässlich eines gemeinsamen Besuchs bei des Lehrers Bienenstöcken gestochen wurde und ich ihr erklärte, sie habe sich der Bienenkönigin gegenüber nicht devot genug benommen. Solche Späße verstand sie nicht und ging mir in den nächsten Tagen möglichst aus dem Wege – vielleicht ja auch wegen meiner modrig riechenden Hose. Ja, ganz sicher war es so; denn als eines Abends wie durch ein Wunder eine nagelneue Lederhose auf meinem Bett lag, als ich diese sofort anzog und jauchzend auf den Hof rannte, schob dieser Engel seine Himmelsgardinen vor seinem auf den Hof gerichteten Schlafzimmerfenster beiseite, öffnete es und hob ganz sachte, kaum merklich die rechte Hand. Möglich, dass ich mir nur einbildete, sie habe mich gegrüßt. Ich blickte umher, konnte aber keinen anderen Adressaten dieser huldvollen Geste ausmachen, und als ich wieder hochsah, waren das Fenster und die Gardinen geschlossen, und ich konnte nur hoffen, die Allerschönste habe beschlossen, mich nun nicht mehr zu meiden.

Und tatsächlich: tags darauf holte mich des Leibjägers Magd aus den Federn, in denen ich am helllichten Nachmittag wonnevoll dahindösend lag, wusch mich von oben bis unten ab und zog mir statt des Leinenhemds und der Lederhose feine Klamotten an, die edel glitzerten; denn ich sollte, besser gesagt durfte am Abend mit Adelheid und dem Leibjäger ins Weimarer Theater gehen. Adelheid war schön aufgeputzt, hatte Armreife und Fingerringe angelegt und goldene Spangen im hochgesteckten Haar, und ich bemerkte, dass sie nach Maiglöckchen roch. Was auf der Bühne vor sich ging, war mir egal. Ich hatte meine Sinne auf Adelheid gerichtet. Obwohl ich auf die Bühne starrte, konzentrierte ich mich darauf, sie aus dem Augenwinkel heraus zu beobachten und jede Regung der Anzubetenden mitzubekommen. Jedes kleine Schnauferchen ließ mich quasi seufzen und jedes halbunterdrückte Husterchen der Engelsgleichen brachte mich ins Schwitzen. Voller Angst erschnüffelte ich, dass mein Schweißgeruch ihren feinen Maiglöckchenduft zu übertönen drohte. Doch wie sollte ich mein Gemüt und meinen Korpus abkühlen? Ich dachte Unverfängliches, um mich abzulenken, was nicht so recht gelang, denn ich fühlte die ganze Zeit über die Aura ihrer Hand, die in nur kleinem Abstand neben der meinigen auf der Armlehne ruhte, und wäre sicher über kurz oder lang vor Wonne zerflossen, wenn nicht der Bühnenvorhang mit einigem Getöse herabgerauscht und eine Pause ausgerufen worden wäre.
Adelheid sprang auf, zog mich mit sich und machte erst vor einer Loge halt, in der ein ordensgeschmückter und jovial dreinblickender Herr mit großen Augen und großer Nase saß, der eine kindische Freude zeigte, als wir beide gemeinsam mit zwei weiteren Kindern die Brüstung der Loge erklommen und von dem feinen Herrn, der aussah, als ob ihm ein paar Zähne fehlten, köstliche Rahmtörtchen angeboten bekamen. Die waren schnell schnabuliert und wir durften auf der Brüstung sitzenbleiben, als sich der Vorhang wieder öffnete. Das Publikum klatschte begeistert, als sich gegen Schluss der Vorstellung einer mit seiner Hutschnur erdrosselte und ein anderer sich erschoss, sehr zum Verdruss eines alten Herrn auf der Bühne, der mit dem Küssen nicht geizte, als ihn ein Jüngerer einen göttlichen Greis nannte, und zum Vergnügen des alten Herrn in der Loge, der mir auch einen Kuss auf die Wange drücken wollte, weshalb ich vor seinem nicht gerade einladenden Mundgeruch fliehend hinabsprang und mich zum Leibjäger gesellte, der über unseren Ausflug herzlich lachte und sich – warum auch immer – irgendwie geschmeichelt fühlte. Wieder zurück in unserer Behausung, musste ich die feine Kleidung, auf der unübersehbar Rahmflecken prangten, ablegen, und am nächsten Tag steckte ich wieder in meiner Lederhose, fühlte mich degradiert und war unzufriedener als je zuvor, obwohl die Buxe ja ganz neu war. Die Glitzerkleidung hatte mir, ehrlich gesagt, besser gefallen.

Meine katholisch angehauchte, wiewohl weiterhin lutherische Mutter meinte dazu:

„Man muss zufrieden sein, nicht nackt herumlaufen zu müssen wie der heilige Onuphrius, als ihn der heilige Paphnutius in der Wüste besuchte.“

Ich stellte mir daraufhin vor, der alte Herr in seiner Theaterloge säße nackend da und segnete mich, der ich zu ihm empor klettern durfte, weil er mich für den Paphnutius hielt, dem er beibringen wollte, wie man ein Heiliger wird. Aber die Wirklichkeit hat verhindert, dass Ähnliches jemals mit mir passieren konnte.
Endgültig beschlossen wurde das vom Schicksal, als ich mich nach dem Tod meiner Versorgungswitwe entschloss, meinen Taufnamen Adam Reichard abzulegen und – wie vom Güstrower Oberinspektor initiiert – lieber Nicolaus Friedrich Erbe zu heißen.

Ich begab mich im Frühjahr 1879 nach Schmalkalden und fragte dort auf dem Wochenmarkt nach dem Striegelmacher Erbe. Die Marktweiber stritten daraufhin miteinander, welchen der Erbe’schen Striegelmacher ich wohl meinen könnte und schickten mich nach längerem Palaver in die Hoffnung, in eine Straße, die so hieß. Voller Hoffnung spielte ich in der dortigen, aus mehreren Häusern bestehenden Striegelfabrik den verlorenen Sohn, respektive den wiedergekehrten, von einer ledigen Erbe im Geheimen geborenen Verwandten. Man wies mir eine Kammer auf dem Dachboden des Hauses Nr. 310 zu, in dem auch eine Witwe Teichmann mit ihrer Tochter wohnte. Mit ihnen durfte ich täglich zu Mittag speisen und erfuhr dabei, dass die Witwe meine Adelheid war. Ich fiel aus allen Wolken und äußerte meine Zweifel. Doch zum Beweis wurde mir ein Bild gezeigt, auf dem Adelheid als offensichtlich reiche und reich behängte Schönheit zutiefst melancholisch knapp am Betrachter vorbei aus dem Rahmen blickt. Die jetzige Adelheid hatte freilich herzlich wenig Ähnlichkeit mit der Portraitierten und noch weniger mit meinem Kindheitsengel aus Oberweimar. Sie war ganz einfach eine wenig attraktive Matrone. Ich hütete mich, ihr zu offenbaren, der Lederhosenbub von einstmals zu sein, was ja auch gar nicht zu meinem bisherigen Leben als unehelicher Striegelerbe gepasst hätte. Beim Blick in mein inzwischen von einem grauen Bart geziertes Altmännergesicht konnte Adelheid kaum darauf kommen, dass ihr ein alter Verehrer gegenübersaß.
Der schon genannte Joseph Erbe, der meinem Namensgeber das Striegelmachen beigebracht hatte, lebte seit ein paar Jahren nicht mehr, und meine ledige Erbe-Mutter hatte samt den Taufpaten auch schon das Zeitliche gesegnet. So gab es offensichtlich niemanden in Schmalkalden, der mir gefährlich werden konnte.

Das mit dem Altmännergesicht muss ich natürlich etwas relativieren, denn als Nicolaus Friedrich Erbe war ich 1879 gerade mal sechsundfünfzig Jahre alt und immer noch von ansehnlichem Körperbau. Daher dauerte mein Müßiggang auch nur eine Woche, und schon musste ich als Hilfsarbeiter in der Fabrik malochen, was mir keineswegs gefiel. Und als dann meine Adelheid im Dezember starb und ihre Tochter wenig später einen Schmalkalder Löffelfabrikanten heiratete, fühlte ich mich verlassen und geknechtet und suchte das Weite.

Es verschlug mich auf direktem Wege nach Brasilien, wo mich meiner Adelheid schon vor Jahren eingewanderter Bruder Leo im Hafen von Rio auslöste und in die Firmenleitung seiner Hutfabrik aufnahm. Lange ging das nicht gut. Meine Siestas wurden immer länger und meine Kontoraufenthalte immer kürzer. Schließlich warf mich der grimmige Leo aus der Firma hinaus.

Meine Mutter hätte mir an dieser Stelle sicher über die zahmen Löwen des Paradieses referiert, aber sie war ja schon längst dort, wo diese Löwen friedlich mit den Lämmern spielen.

Bei einem Hirten im Sertão kam ich unter, zog mit ihm, seinen Schafen, Ziegen und Rindern eine Saison lang umher, ohne auf einen einzigen Löwen zu stoßen, verabsentierte mich aber nach dem Verkauf der Tiere im fernen Manaus und schipperte mit einem Fischer den Amazonas hinauf. Nach einer Rast an dessen Ufer fuhr er ohne mich weiter, wohl weil ich beim Kacken zu lange brauchte. Mutters dazu passende Empfehlung wäre gewesen:

„Schaue nie zurück und lege deine Hoffnung in Gottes Hand.“


Das fiel mir schwer, und so sitze ich auch jetzt noch am Ufer des Amazonas, in den ich das ausgekaute Zuckerrohr gespuckt habe. Ich sehe dem kläglichen Rest zu, wie er seine weite Reise zu seinem Ursprung antritt, weine ein wenig und lasse mir die wenigen übriggebliebenen Erinnerungen an mein bisheriges Leben durch den Kopf gehen. Mit einem kleinen Steckelchen schreibe ich sie in den mit Schlick durchsetzten Sand.
Schnell sollten sie gelesen werden, bevor sie der aufkommende Wind verbläst oder der nachmittägliche Regen wegspült.
Doch wer wird das schon tun?


@ 2016 Guntram Erbe


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